Routinen
Über tägliches Zeichnen
Ich drehe meine Runden, sie ähneln sich. Aufstehen, Kinder, Anziehen, Zähneputzen, Arbeit oder Arbeit suchen, Spielen, Kochen, Essen, Zähneputzen, Schlafanzug, Geschichte, Sofa. Doch seit kurzem ist etwas Neues Teil meiner Routine.
Ich zeichne zehn Minuten am Tag.
Diese zehn Minuten täglich sind für mich. Nicht für einen Job, für nichts. Keine Kunst, nur Zeichnen, Stift und Papier. Zehn Minuten. Manchmal werden es mehr. Wenn das passiert, ist das kein Problem.
Durch diesen in der Wiederholung verankerten Rahmen ist etwas entstanden, das sich paradoxerweise wie Freiheit anfühlt. Zehn Minuten sind überschaubar, und doch summiert sich daraus ein Kontinuum: fünf Stunden im Monat.
Kontinuität.
Ich mag dieses Wort. Es klingt stark und erwachsen. Wie ein Zeitungsabo oder eine immer gefüllte Kiste Mineralwasser in der Küche.
Obwohl ich jeden Tag wieder von vorne beginne, bewege ich mich fort, ohne es kontrollieren zu können. Erst im Rückblick bemerke ich, dass ich weiter gekommen bin.
Letztens konnte ich nicht schlafen. So gar nicht. Irgendwann in der Nacht stand ich auf und holte mir mein Handy, einen Tee und eine Reiswaffel mit Mandelmus aus der Küche. Ich entschied mich für Marie von Heyls Podcast „Eclectic Engineering“, den ich übrigens sehr empfehle. Ich folgte nun für etwa vierzig Minuten ihren Überlegungen zum Begriff der Kraft bei Christoph Menke, der diesem wiederum ein oder eher gesagt zwei ganze Bücher widmete. Im Halbschlaf wanderten von Heyls Worte in mir herum und ließen sich nieder.
Und gerade jetzt, während ich schreibe, treten sie wieder zutage.
Für Menke steht das Subjekt im Spannungsverhältnis von Vermögen und Kraft. Das Subjekt ist auf der einen Seite ein*e Könner*in, der*die etwas vermag, bzw. kann oder beherrscht, indem er*sie übt bzw. an sich arbeitet. Das Vermögen bewegt sich innerhalb von Formen und Normen. Es ist auf die Verwirklichung eines Zwecks gerichtet. Die Kraft hingegen ist ohne Ziel und entzieht sich der Kontrolle. Sie ist schon da, bevor wir zu Subjekten werden, also bevor wir lernen, zielgerichtet zu handeln und unsere Fähigkeiten auszubilden. Obwohl die Kraft im Vermögen nicht mehr sichtbar ist, also scheinbar überwunden wurde, ist sie deren Bedingung. Ohne sie, die in der ästhetischen Lust erlebbar wird, ist das Vermögen nicht vorstellbar.
Denken wir an die ersten Laute, die Babys von sich geben, lange bevor daraus Sprache wird. Sie brabbeln, quietschen und gurgeln. Nicht, weil sie das Sprechen üben – davon haben sie noch keinen Begriff –, sondern weil sie den Drang dazu verspüren zu brabbeln, zu quietschen oder zu gurgeln. Diese Laute erfüllen also überhaupt keinen Zweck, befriedigen keine Bedürfnisse. Sie sind ein Spiel, sie zu erzeugen macht Spaß. Babys brabbeln um zu brabbeln. Und doch liegt in diesen Lauten bereits die Möglichkeit des Sprechens, bzw. sind sie sogar die Bedingung des Sprechen-Könnens.
Sie sind ein kontinuierliches Üben. Ein Üben, ohne die Absicht des Übens.
Zurück zu meinen täglichen, in einen zeitlichen Rahmen eingebetteten Übungen.
Ich denke, dass gerade die Begrenzung das Offene stabilisiert. Sie ermöglicht eine Praxis, in der Vermögen und Kraft miteinander in Austausch treten. Die tägliche Wiederholung schafft die Form. Sie sorgt dafür, dass ich zeichne. Was innerhalb dieser Form geschieht, lasse ich geschehen.
Es funktioniert. Es passiert etwas, was sich meiner Kontrolle entzieht.
Auch in anderen Denkzusammenhängen findet sich diese Idee: dass Kreativität nicht gegen Struktur arbeitet, sondern in ihr entsteht, dass Wiederholung nicht Verarmung bedeutet, sondern Möglichkeiten eröffnet.1
Warum funktioniert es? Ich glaube, es ist nicht nur das zehnminütige Zeichnen selbst, sondern die Entscheidung, die nicht jeden Tag neu getroffen werden muss. Die Entlastung von der Frage, ob ich heute zeichne, ob es überhaupt sinnvoll ist, ob ich zu müde bin, ob es genügt oder ob ich es einfach lasse; Das mit dem Zeichnen.
Ich lasse es nicht.
Diese zehn Minuten tun niemandem weh. Sie sind klein genug, um eine Ecke in jedem Tag zu finden, und dennoch so groß, dass ich merke, dass alles ist möglich ist.
Danke dass du mitliest. ♡
Bis bald
Z.b. bei Rick Rubin: “kreativ. Die Kunst zu sein” ( München: O.W. Barth Verlag, 2023)
oder auch bei
Anjet Daanje, die ihre Arbeitsweise so beschreibt, dass die täglich ca. zwei Seiten schreibt, diese am nächsten Tag liest und umschreibt, und dann, ohne es wirklich zu merken, neue Seiten hervorbringt. Vgl. “An interview with Anjet Daanje and David McKay”, hier.






